Professor Dr. Lorenz Jarass stellt Gutachten zur 380-Kilovolt-Stromleitung vor

Großer Andrang bei der Vorstellung des aktuellen Gutachtens zur geplanten 380-Kilovolt-Stromleitung von Amprion durch Professor Dr. Lorenz Jarass in der Aula des Friedrich-Harkort-Gymnasiums.
Großer Andrang bei der Vorstellung des aktuellen Gutachtens zur geplanten 380-Kilovolt-Stromleitung von Amprion durch Professor Dr. Lorenz Jarass in der Aula des Friedrich-Harkort-Gymnasiums.
Professor Dr. Jarass stellt Gutachten zur 380-Kilovolt-Stromleitung vor.
Professor Dr. Jarass stellt das Gutachten zur 380-Kilovolt-Stromleitung vor.

Der Andrang bei der Vorstellung des aktuellen Gutachtens zur geplanten 380-Kilovolt-Stromleitung von Amprion durch Professor Dr. Lorenz Jarass in der Aula des Friedrich-Harkort-Gymnasiums war groß: Rund 120 Herdecker Bürgerinnen und Bürger sowie weitere Interessierte anderer Städte nutzen die Gelegenheit, sich mit dem ausgewiesenen Experten auf dem Gebiet der Energieversorgung auszutauschen und seinen Ausführungen zu dem Gutachten zu lauschen. Professor Dr. Jarass hatte bereits vorab in der öffentlichen Ratssitzung erläutert, wieso die Notwendigkeit der genehmigten Leitung aus seiner Sicht fraglich sei.

Das Gutachten hatte die heimische Prozessgemeinschaft gemeinsam mit der Bürgerinitiative Semberg in Auftrag gegeben. Es wird nun mit den Klageunterlagen eingereicht. An der Erstellung beteiligten sich finanziell auch weitere Initiativen entlang des Trassenverlaufs von Dauersberg nach Kruckel.

In der Aula des Gymnasiums hätte das Fazit des Autors mehrerer Fachbücher kaum deutlicher ausfallen können. Die Notwendigkeit für den Neubau ist für Professor Dr. Jarass nicht gegeben: „Die Forderung von Bürgermeisterin Dr. Katja Strauss-Köster nach einem Moratorium auf Grund des beschlossenen Kohleausstiegs ist gerechtfertigt.“ Anhand einer Grafik zur Leistung aus den Erneuerbaren Energien (EE) veranschaulichte Jarass, dass die installierte Leistung von EE-Kraftwerken bereits 2017 knapp doppelt so groß wie die durchschnittlich benötigte Leistung war. In 2035 wird sie fast viermal so groß sein. „Bei einem wachsenden Ausbau der erneuerbaren Stromproduktion resultieren immer häufiger gesamtdeutsche Leistungsüberschüsse, die derzeit – für sehr niedrige Preise – in benachbarte Länder exportiert werden“, so Jarass. „Zum Export dieser Leistungsüberschüsse wird ein erheblicher Netzausbau als erforderlich erachtet.“

Nach der geplanten weiteren Stilllegung von Kohlekraftwerken wird es laut Jarass immer häufiger drohende Leistungsdefizite geben, weil EE-Kraftwerke bei bestimmten Wetterlagen manchmal über Tage nur wenig Strom produzieren. „Für deutschlandweite Dunkelflauten, die insbesondere im Winter über mehrere Tage auftreten, nutzen aber neue Leitungen nichts. Vielmehr sind hierfür, wie die Netzausbauplanung zeigt, schnell regelbare Reservekraftwerke erforderlich, insbesondere neue Gaskraftwerke in Süddeutschland“, hob er hervor. „Die Behauptung im Planfeststellungsbeschluss, die geplante Leitung sei für die langfristige Sicherstellung der Stromversorgung im Versorgungsgebiet Großraum Dortmund und Hagen erforderlich, ist daher unplausibel und unbelegt.“

Der aktuelle Netzentwicklungsplan ermögliche die Einspeisung von Kohlestrom auch parallel zur Starkwindeinspeisung. „Sollte die Kohleverstromung ab 2038 beendet werden, gäbe es zwar keinen Netzausbau mehr wegen der Einspeisung von deutschem Kohlestrom, wohl aber für die dann wachsende Einspeisung von insbesondere polnischem Kohlestrom“, erläutert Jarass. Erdkabellösungen würden laut dem Experten mit fehlerhaften Begründungen ausgeschlossen. Für seinen Vorstoß „gerade aufgrund der massiven Belastungen im Raum Herdecke sollte dort doch eine Teilverkabelung vorgesehen werden“ erntete Jarass viel Applaus.

In seinem Fazit hob er hervor, dass ein Kohleausstieg im Jahr 2035 laut Netzentwicklungsplanung die Abschaltung von 17,1 GW Kohlekraftwerken bedeuten, trotzdem aber den Netzausbaubedarf unverändert lassen würde. Detaillierte Begründungen hierfür würde es nicht geben. Die geplante 380-kV-Leitung Kruckel-Dauersberg sei von der Bundesnetzagentur im aktuellen Prüfungsbericht für keines der Szenarien bezüglich Wirksamkeit und Erforderlichkeit geprüft worden. „Insbesondere auch nicht für das neue Kohleausstiegsszenario. Daher ist die Erforderlichkeit der geplanten Leitung fraglich“, so Jarass.